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Bürgertum und traditionelle Kultur im Bergland

Schafzucht bleibt grundsätzlich die Hauptwirtschaft der Bergbevölkerungen, zumindest bis zum XVIII Jahrhundert. Frostwirtschaft und insbesondere Landwirtschaft (in Hochebenen in 1400 Metern Höhe) wurde gefördert um den Eigenbedarf zu decken.
Aus dieser sozialen und wirtschaftlichen Grundlage bildete sich eine bürgerliche und wohlhabende Klasse neben einige hochadelige Familien. Das Bürgertum erwirbt mit der Beziehung mit anderen Adelsfamilien aus den großen italienischen Kulturstätten (hauptsächlich Neapel, aber auch Montecassino, Bologna und Rom) eine umfassende Bildung, und somit, üben sie ihre Rolle mit guter Fähigkeit und Tüchtigkeit aus.

Dieses neue Bürgertum reiste nicht aus und blieb in ihren Heimatdörfern. Sie forderten einen allgemeinen besseren Lebensstandard für alle Mitbürger; es wurden prachtvolle Häuser, oft mit wertvollen Bibliotheken, gebaut. Kirchen wurden erneuert und mit Kunststücke ausgestattet. Dies hat als Folge, dass die ganze Gemeinschaft kulturell anwächst: örtliche Künstler waren auch außerhalb des Dorfes sehr begehrt, und manche waren in ganz Italien berühmt (in Rom, Neapel und Lombardei).

In vielen Dörfern der Majella hat man diese soziale Entwicklung, insbesondere in Tocco da Casauria, Bolognano, San Valentino, Caramanico, Manoppello, Guardiagrele und in außergewöhnlicher Weise in Pescocostanzo: es ist nicht nur Heimatort von Architekten, Bildhauer, Steinmetzen, Marmorschnitzern sondern auch, ab 1600, Heimat von berühmte italienischen Künstlern, wie zum Beispiel den Caravaggist Tanzio von Varallo (seine Werke befinden sich in Pescocostanzo und Umgebung) und Cosimo Fanzago, Barockgenie des Süditalien.

Schon im folgenden Jahrhundert gelingt es dem Bürgertum eine autonome Existenz und Entwicklung der Kleinstädte zu gewährleisten. Das Erstarken des Bürgertums verhinderte die Aneignung dieses Landes durch die Feudalherren. Im 1774, waren diese Kleinstädte schon alle autonomen Kommunen (wurden praktisch vom Lehnsherr - dominus feudi, senior -„freigekauft“).

Dieses Bürgertums, im Sinne von gesellschaftlicher Schicht in den Abruzzen, wird oft mit „bürgerliche Kultur des Bergland” bezeichnet. Das Bürgertum bestand aus Kaufleuten, industriellen Unternehmern, Finanzpächtern und Beamten, wie die reichen Grundvermögen – Bau von Festungen und Hochburgen, Klöstern, große Kirchen (und Ausschmückung von mittelalterlichen Kultstätten), datierbar zwischen XVII und XIX Jahrhundert – beweisen. Die bürgerliche Kultur kennzeichnet das ganze Bergland Majella in der Neuzeit, und hat seinen Höhepunkt, unter dem Gesichtspunkt der Bildung und Kultur, am Anfang der Zeitgeschichte.

Die Französische Revolution, die Herrschaft Napoleons, bzw. der historische Zeitraum zwischen 1789 und 1815 veränderte die Gesellschaft Frankreichs sowohl Europas. Dieser radikaler und rapider sozialer Wandel bis in den Abruzzen Gebirge. Dank der erneuerten Verkehrswege viele Dörfer bekamen diesen Wandel direkt mit. Die Pescara Ebene und die Bergstrecke des Hauptverkehrsweg „Via degli Abruzzi“ wurde im Napoleons Zeitalter (Napoleons Schwager Joachim Murat war von 1808 bis 1815 König von Neapel) umgebaut und saniert (wird darum auch „Napoleonica“ genannt). Im 1842 wurde der moderne Weg im Aventino Tal gebaut: er verbindet, geradeaus den Hang entlang, Palena mit Lama dei Peligni (dieser Weg heißt auch „tagliata“, italienisch für „durchschneiden“). Der Abruzzen Bürgertum war am Leben, an der Politik und an die Ereignisse des Königreich von Neapel sehr beteiligt: es bildeten sich intellektuelle Kreise, die sich bis in Europa ausbreiteten. Einige Intellektuellen wurden in den berühmten europäischen Universitäten empfangen und angenommen (Kgr. Großbritannien, Kgr. Frankreich, Kgr. Preußen und Kgr. Russland). Zwischen 1700 und 1861 (Einheit Königreichs Italien, 1861), viele politisch- und kulturell-aktive Juristen, Philosophen, Statistiker, Wissenschaftler, Historiker hatten enge Beziehungen mit Majella (und Umgebung, wie zum Beispiel Sulmona und andere Stätte am Bergland gebunden): eine lebenslange Beziehung wird mit dem Heimatort, wo die erste Bildung statt fand, gehalten.

Bekannte Intellektuelle von der Majella und Umgebung sind (Name, Heimatort, Tätigkeit): Giuseppe De Thomasis (1767-1830), von Montenerodomo, Reichsbeamter in der Domäneverwaltung und Reichsverfassungsrechtler, hatte enge Beziehungen mit den Florentiner Giovan Pietro Vieusseux (Ab 1812 bestand in Florenz eine kosmopolitische Institution, das Gabinetto Vieusseux, ein gelehrter Lese- und Diskussionszirkel); Ottavio Colecchi (1773-1847), von Pescocostanzo, Philosoph und Mathematiker, er ergreifet als erster Italiener Kants Lehre, Akademiker in Sankt Petersburg, Gründer einer philosophischen Privatschule in Neapel um Hegels Denkrichtung zu verbreiten; Luigi Chiaverini (1777-1834) von Palena, bekam seine erste Bildung in Pescocostanzo, Biologe und Psychologe; Benedetto Vulpes (1783-1855), von Pescocostanzo, Pathologe und Kliniker. Mitte 1800 hat man folgende bedeutende Persönlichkeiten: Salvatore Tommasi (1813-1888), von Roccaraso aus das Geschlecht der Accumoli, Kliniker, Philosoph und Patriot; Leopoldo Dorrucci (1815-1888) und Panfilo Serafini (1817-1864), beide von Sulmona, Humanisten und Patrioten; Annibale De Gasparis (1819-1892), geboren in Bugnara aber seine Familie war von Tocco Casauria, Astronom und Mathematiker; Bertrando Spaventa (1817-1883) und sein Bruder Silvio (1822-1893), von Bomba, Schüler von Colecchi, einer war Philosoph und der andere Statistiker, beide Patrioten; Giuseppe De Blasiis (1832-1914), von Sulmona, Historiker und Patriot. Erwähnenswert ist auch Domenico Stromei (1810-1883), der originelle Dichter und Schuster von Tocco da Casauria.

Ab Mitte des 1700 werden Naturwissenschafts- und Geschichtsforschung der Majella von Lokalforscher durchgeführt. Das hat zur Folge, dass die Tradition zum Selbstbewusstsein der Bevölkerung wird. Die große Geschichtsforschung der Abruzzen und Umgebung wurde von Anton Ludovico Antinori (1704-1778) bearbeitet. An seine Forschung arbeiteten viele Mitarbeiter, und wurde auch deshalb in kurzer Zeit berühmt und erregte viel Interesse, obwohl das Werk unveröffentlicht blieb. Es folgten andere Werke mit „aufklärerischer“ Tendenz von: Giuseppe Liberatore, von Castel di Sangro, über Natur und Klima in der Hochebene Piano delle Cinquemiglia (1789), Vincenzo Giuliani über die Landschaft der Hochebenen (1793, veröffentlicht erst im 1993), Ignazio Di Pietro, über die Stadt Sulmona (1804). Erwähnenswert sind nicht nur Eingeborene, sondern auch Gelehrte und Forscher der Umgebung, und sogar vom Ausland (wie zum Beispiel, die berühmten reisende Forscher und Künstler von England: Richard Keppel Craven im 1837; Edward Lear im 1846, britischer Maler, Illustrator und Schriftsteller), die Interesse an der Majella zeigten: im 1792 veröffentlicht der Kalabrier Michele Torcia ein Essay über die National-Routen in dem Peligni Land; Michele Tenore, neapolitanischer Botaniker, stammend von Chieti, erkundet zwischen 1807 und 1834 die Pflanzenwelt der Majella und beschreibt es ausführlich und systematisch in seinen Werke. Die berühmten Erdkundler des Bourbonische Reich: Giuseppe Maria Galanti (Politische und geografische Beschreibung des Königreich beider Sizilien, 1794), Lorenzo Giustiniani (Lexikon der Geographie des Königreich Neapel, Werk in 13 Bänden, veröffentlicht zwischen 1797 und 1805), Filippo Cirelli (Das Königreich beider Sizilien, illustrierter Buch, 1853) es wird auch der Berg Majella mit naheliegende Ortschaften beschrieben; Giovanni Antonio Rizzi Zannoni (Erdkundeatlas des Königreich Neapel, 1804-1808) sein Werk enthält ein sehr detailliertes und präzises Bild des Majella Massiv. Im 1837, Pasquale de Virgiliis von Chieti, ein gründlicher Kenner der italienische und englische Literatur, schreibt und veröffentlicht ein Essay mit dem Titel La Majella, (er anklingelte die Übersetzung des A Sentimental Journey Through France and Italy von Laurence Sterne, übersetzt vom italienischen Dichter Ugo Foscolo).

Eine Liebesabenteuer, Beschreibung einer fantastischen Reise, teils auch realistisch, im Land der Hirten, Höhlen, Köhler und Einsiedler im östlichen Hang der Majella, und das Aufstieg zum Gipfel. Im 1839, besuchte der Dichter Pietro Paolo Parzanese von Avellino die Ortschaft Palena und widmete ein Gedicht dem Patron, Sankt Falco. In diesen Jahrzehnten werden die Abruzzen Trachten berühmt; viele Malern, die Abruzzen besuchen, stellen in ihre Gemälden diese traditionelle Tracht dar (es handelt sich dabei hauptsächlich um Kostüme von Ortschaften die auf dem Weg "Via degli Abruzzi" liegen, insbesondere im Tal Peligna).

 

Tholos - foto PNM

 

Eremo di S. Bartolomeo - foto PNM

 

San Tommaso - foto PNM

 

 

 

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